Studie zur
nachhaltigen Entwicklung natürlicher Ressourcen:
Stoffflüsse in einem autochthonen ländlichen Verdichtungsraum
von geringer natürlicher Tragfähigkeit (Imo-State/Südostnigeria)
Friedrich
Beese (Göttingen) / Martin Wohlfarth-Bottermann (Bonn, AG 3)
Ziele
Bewertung der Wirksamkeit endogener und exogener
Strategien der Landnutzung in Bezug auf Tragfähigkeit und Ressourcenschutz
Entwicklung des methodischen Instrumentariums
zur Erfassung von Nachhaltigkeit
Aufklärung
der funktionalen Beziehung zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelproduktion
Problemstellung
Die
Bemühungen zur Hilfe für die Staaten der Dritten Welt waren in den letzten 40
Jahren zunächst auf die Vermittlung einzelner Produktionsweisen konzentriert,
dann folgte eine Phase intensiver technologischer Neuerungen. Nachdem diese
exogenen Strategien zumindest in Afrika gescheitert sind, steht seit den 80er
Jahren das Leitbild der ,,integrierten ländlichen Entwicklung“ im Vordergrund,
das einen multifaktoriellen, räumlichen und zunehmend ökologischen Ansatz zur
Nahrungs- bzw. Existenzsicherung verfolgt. Um mit dieser komplexen Strategie
nachhaltige Erfolge zu erzielen, scheint es sinnvoll, die endogene Orientierung
des Ansatzes zu verstärken. Die interdisziplinäre Untersuchung von Kreisläufen
und überregionalen Verflechtungen der Stoffflüsse eines autochthonen ländlichen
Verdichtungsraumes soll hierfür die Voraussetzungen schaffen. Über die
Aufklärung dieser angewandten Fragestellung hinaus kann das Forschungsprojekt
einen Beitrag zur Kenntnis der theoretischen Beziehung zwischen
Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelproduktion leisten. Es ist angesiedelt
im Spannungsfeld der Hypothesen von MALTHUS und BOSERUP, die in vollständigem
Widerspruch zueinander das Bevölkerungswachstum bzw. die
Nahrungsmittelproduktion als jeweils abhängige Variable der Gleichung
betrachten.

Das Untersuchungsgebiet
Im
Regenwaldgebiet Südostnigerias gibt es seit vorgeschichtlicher Zeit hohe
Bevölkerungsdichten auf armen, zur Versauerung neigenden Sandböden. Der
Bundesstaat Imo gehört heute mit Einwohnerdichten bis zu 1000 Ew/km3
zu den am dichtesten besiedelten Räumen Afrikas. Gleichwohl lebt die
Bevölkerung überwiegend immer noch von der Landwirtschaft.
Das
Untersuchungsgebiet bildet ca. 100 m ü NN
ein Hügelland, mit tiefgründigen, sauren Sandböden über kreidezeitlichen Sandsteinen
unter einen, humiden tropisch-äquatorialen Übergangsklima mit Niederschlägen um
2250 mm/a. Halbimmergrüner Tieflandregenwald stellt die Klimaxvegetation. Die
reale Vegetation bildet ein Mosaik aus Buschbrache unterschiedlichen Alters
sowie einzelnen, Sekundär- und Primärwäldchen (Heilige Wälder). Die autochthone
Bevölkerung (Ibo) siedelt in großen, vielfach zu Schwärmen zusammengewachsenen
Rundzellensiedlungen vorzugsweise die Höhen. Um ihre eingefriedeten Gehöfte
betreiben sie intensiven Gartenbau mit Nährstoffeinträgen aus den umliegenden
extensiver bewirtschafteten Feldern sowie durch Haushaltsabfälle (Knochen,
Asche). In einiger Entfernung vom Gehöft wird Buschbrache-Rotationsfeldbau mit
Brachephasen von zwei bis drei Jahren betrieben. Grundnahrungsmittel sind Yams,
Maniok und Mais. Wichtigste Marktfrucht ist die Ölpalme. Außerhalb der
Waldgebiete nimmt die Baumdichte mit der Nutzungsintensität ab.
Die
Ibogesellschaft zeichnet sich seit der frühen Kolonialzeit durch
Innovationsfreundlichkeit aus. Der Bildungsstand ist gemessen am nationalen
Maßstab gut. In den schwächer besiedelten Niederungen breiten sich
Entwässerungsfeldbau und Teichwirtschaft aus. Die ländliche Bevölkerung hat
i.d.R. vier Jahre Primarschulbildung und kann mehrheitlich Lesen u. Schreiben.
Englisch wird - abgesehen von den sehr alten Menschen verstanden und
gesprochen. Gleichwohl befindet sich das Bodenrecht immer noch im Spannungsfeld
von Tradition sind Moderne. Etwa 1/4 der Haushalte im ländlichen Raum sind
polygam. Die durchschnittliche Größe eines Haushaltes liegt bei ca. 10
Personen.
Mit seinen
natur- wie sozialräumlichen Gegebenheiten bietet der Untersuchungsraum ein
Zukunftsmodell, das möglicherweise für weite Räume Afrikas südlich der Sahara
repräsentativ ist.
Hypothesen
Die hohe
Bevölkerungsdichte konnte unter den widrigen naturräumlichen Gegebenheiten nur
durch eine ursprünglich Azephale Sozialstruktur mit tendenziell dezentraler
Siedlungsstruktur aufgebaut werden, da diese eine Koppelung der wesentlichen
Stoffkreisläufe ermöglicht.
Darüber
hinaus reagieren die Ibo auf den zunehmenden Bevölkerungsdruck mit
konventionellen Strategien: Durch Intensivierung der Landnutzung, durch
Entwicklung des sekundären und tertiären Wirtschaftssektors und durch
Migration.
Ansatz
Durch die
Erstellung einer umfassenden Stoffhaushaltsbilanzierung bzw. einer
vereinfachten Stoffbilanzierung soll für das Einzugsgebiet eines regionalen
Marktes (ca. 10 Dörfer, 100.000 Ew. 100 km2 (+-50%)) geklärt werden, welche Anteile endogene
und exogene Strategien an der aktuellen Tragfähigkeit des Untersuchungsraumes
haben und ob in deren Entwicklung ein Trend zu erkennen ist.
Angestrebt
wird die Erfassung der wesentlichen Speicher und Stoffflüsse in Bio-, Gen- und
Anthroposphäre - in Abhängigkeit von ihrer Bedeutung und einschränkenden
Bedingungen - als Mess-, Rechen- oder Schätzwerte.
Der
umfassende Anspruch bedingt koordiniertes interdisziplinäres Arbeiten, wobei
die ökosystemare Struktur folgende Arbeitsschwerpunkte nahe legt:
Stoffbilanzen
von landwirtschaftlichen Kulturen (Gemüsebau, Yams- und Maniokanbau,
perennierende Kulturen), und Brache in den Anbauzyklen.
Stoffbilanzen
der Böden im Untersuchungsraum bei unterschiedlicher Landnutzung unter
verschiedenen topographischen Bedingungen. Stoffbilanzen der Tierhaltung.
Erfassung
der landwirtschaftlichen Kultivierungstechniken, insbesondere während der
Feldvorbereitung mit Feuer in ihren Auswirkungen auf die Stoffhaushalte von
Standort und Verarbeitungs- bzw. Wohnort.. Ernte- und Lagerungsverluste.
Räumliche und zeitliche Organisation von Feldbau, Jagd- und Sammelwirtschaft.
Erfassung
der aktuellen Vegetation und ihrer anthropogenen Dynamik sowie des ökologischen
Stellenwertes und des Regradationspotentials der Heiligen Wälder.
Quantifizierung von Austrägen und Lokalisierung des Verbleibs von
Sammelprodukten.
Erfassung
wesentlicher klimatischer, hydrologischer und limnologischer Parameter sowie
der beträchtlichen atmosphärischen Trockendepositionen (Harmrattan) vor Ort,
zwecks Quantifizierung der stofflichen Ein- und Austräge.
Aufbau von
geomorphologischen Modellen, unter besonderer Berücksichtigung der Stoffflüsse
durch Massenverlagerungen (Erosion).
Ermittlung
und Kartierung der demographischen Kennwerte (Bevölkerungszahl und -Struktur,
Fertilität, Mortalität), Erstellung einer Wanderungsbilanz.
Ermittlung
der Warenverkehrsströme (Marktwesen), unter besonderer Berücksichtigung
entkoppelter Stoffflüsse, v.a. des Verkehrs an Düngemitteln und
landwirtschaftlichen Produkten.
Erfassung
der hygienischen Kulturtechniken, unter besonderer Berücksichtigung der
Entsorgung sowie des Bestattungswesens.
Kooperationspartner
Für
das Projekt steht in der Person von Prof. Opara-Nadi (Imo State-University/Uturu)
ein Kooperationspartner zur Verfügung, der langjährige Erfahrungen in der
Kooperation mit deutscher Forschung hat.
Literatur
BOSERUP E. (1965): The Conditions of Agricultural Growth..
The Economics of Agricultural Change under Population Pressure. London
LAGEMANN. J. (1977):
Traditional African Farming Systems in Eastern Nigeria. An Analysis of Response
to Increasing Population Pressure. Afrika-Studien Nr. 98, München
MALTHUS TH. R. (1798): An Essay
on the Principle of Population, as its affects the future Improvement of Society.
With remarks on the speculations of Mr. Godwin M Gondorcet, and other Writers.
London
WAGNER, H .G. (1987) Überbevölkerung, agrare Tragfähigkeit und deren geoökologische Grundlagen in Westafrika. Ein Beispiel zur Analyse der Probleme aus der Sicht der Wirtschaftsgeographie. In: LINDAUER, M. und SCHÖPF, A. (Hrsg.): Die Erde unser Lebensraum: Unterbevölkerung und Überbevölkerung als Probleme der Populationsdynamik.2. Symposion der Universität Würzburg, p.167-209, Stuttgart